Weitwandern im Massif Central

" ... und kaum hat man die Träger (des Rucksacks) über die Schultern gelegt, so sind die Überreste des Schlafes wie weg- geblasen, man reisst sich mit einem Ruck zusammen, und fällt sofort in seinen Schritt. Und bestimmt ist von all den Stim- mungen, diese, in der man sich auf den Weg macht, die beste."

Text und Fotos:
Alle Zitate:
Stephan Zürcher
Robert Louis Stevenson
Reise mit dem Esel durch die Cévennen
Editions La Colombe 2008 (2.Auflage)

Ende September 1878 brach R.L. Stevenson (in Begleitung eines Lastesels) nach einer Vorbereitungszeit von einem Monat zu einer 12 tägigen Wanderung quer durch die Cévennen auf. Er war hiermit wohl einer der Vorläufer des heutigen Weitwanderns, wanderte er doch nicht aus religiösen Gründen wie die Jakobspilger im Mittelalter, sondern zu seiner persön- lichen Erbauung, um nachzudenken und zu vergessen, aus Abenteuerlust und aus Neugierde auf Land und Leute sowie schlussendlich um ein Buch zu schreiben.

Heute mag die Motivation eine Weitwanderung zu unternehmen vielfältiger und individuell verschieden sein, die Vorbereitung darauf und auch die Anreise ins Gebiet ist jedenfalls einfacher geworden, was dem Genuss der ganzen Tour jedoch keinen Abbruch tut. Heute
ist man auch seltener so allein unterwegs wie zu alten Zeiten, besonders wenn man ab
Le Puy dem Jakobsweg (tausende  Menschen starten hier jährlich zu ihrer Pilgerreise) oder dem seit 10 Jahren propagierten Chemin Stevenson folgt. Wer etwas mehr Ruhe sucht,
muss die Route ausserhalb dieser vielbegangenen Routen wählen.

"Der Mont Lozère schneidet das Gévaudan in zwei ungleiche Teile. Hinter mir lag das nördliche Hochland, durch welches mein Weg geführt hatte, von einem stumpfen Menschenschlag bevölkert, ohne Wald, ohne grossartige Bergformationen und in der Vergangenheit für wenig bekannt, es sei denn für seine Wölfe. Vor mir jedoch, halb verschleiert im Sonnendunst, lag ein neues Gévaudan, fruchtbar, pittoresk und berühmt für aufregende Ereignisse. In weitem Sinne befand ich mich zu beginn meiner Wanderung zwar in den Cévennen, wie übrigens auch meine gesamte bisherige Wanderung; aber landläufig gibt es einen strengeren Sinn, in welchem nur diese wirre und struppige Gegend zu meinen Füssen Anspruch auf diesen Namen hat, und in diesem Sinne verwenden ihn die Bauern. Es sind also die Cévennen im eigentlichen Sinn, die Cévennen der Cévennen."

Schon eine der ersten Touren von WeitWandern hat ins Massif Central geführt, über den Mont Lozère, in die inneren Cévennen und über die Causses. Ich war dem rauen Charme der Gegend, der sich in der oft archaisch anmutenden Landschaft (abwechselnd mit südlich angehauchter Ambiente), den einsamen Weilern und nicht zuletzt in der herzlichen Gast- freundschaft der Einwohner und dem nahrhaften und reichhaltigen Essen zeigt, sofort erlegen.

" ... jedoch sind die Wirtsleute in neun von zehn Fällen freundlich und zuvorkom- mend. Sobald man die Schwelle überschritten hat, hört man auf ein Fremdling zu sein, und obwohl diese Bauern auf der Landstrasse grob und abweisend sind, legen sie einen Anflug von Herzensgüte an den Tag, wenn man den Herd mit ihnen teilt."

Auch sonst faszinierte mich dieses Gebirge, denn das Massif Central ist flächenmässig das bedeutendste Gebirge Frankreichs und bedeckt nahezu einen Sechstel des Landes! Dieser „versteckte Schatz“ Frankreichs besteht aus Kalk, Granit und auch vulkanischen Gesteinen. Deshalb treffen wir hier auf vielfältigste Landschafts- und Bergformen wie den waldreichen Mont Pilat, die Ebenen des Vivarais und das vulkanische Gebiet des Mont Mézenc im Norden, sowie südlich des aus Granit bestehenden Mont Lozère die hügeligen Cévennen, die rauhen kalkigen Hochplateaus der Causses mit ihren fantastischen Höhlen und – hoch über dem Tiefland des Languedoc gelegen – die markanten Hügelzüge des Caroux und der Montagne Noire.

 

Bald reifte der Plan, diese Route mit anderen – nördlich und südlich gelegenen Touren zu verbinden. An seinem Ostrand bildet das Gebirge die wichtigste Wasserscheide zwischen Mittelmeer und Atlantik. Das von hier abfliessende Wasser speist alle grossen Flüsse des Landes. Diese natürliche und elegante Linie sprach mich sofort an. Auf dem Weg würden wir neben anderen Naturschönheiten die Quellen so bekannter Flüsse wie Loire, Ardèche und Tarn entdecken.
Doch wir befinden uns hier in der wahren "France profonde" und manchmal scheint es, als sei in den Dörfern die Zeit vor fünfzig Jahren stehen- geblieben. So brauchte es noch einige Jahre bis die lokale Infrastruktur ein solches Vorhaben ermöglichte.

" .... über den Kamm führt keine markierte Strasse – es gab nur Marksteine, welche in Abständen den Viehtreibern die Richtung weisen. Die Grasnarbe war federnd und duftete. Ausser ein paar Lerchen hatte ich keine Gesellschaft. Vor mir sah ich ein flaches Tal und jenseits die Kette des Mont Lozère. Von Kultivierung war kaum eine Spur zu entdecken. Nur um die Ortschaften herum durchquerte die Landstrasse eine Reihe Wiesen, die mit schlanken Pappeln umstanden waren und allerseits wider- hallten vom Klang der Glocken der Schaf- und Rinderherden. "
Neben den landschaftlichen Perlen kommen wir während dem Wandern in Kontakt mit den hier lebenden Menschen und auch mit grossartigen alten Kulturen. Angefangen mit den Kelten, deren Menhire uns immer wieder in Erstaunen versetzen. Römerspuren sind selten im Gebirge, dafür um so häufiger in den südlichen Städten Montpellier, Nîmes oder Valence, wo wir jeweils den Morgen vor der Rückreise mit flanieren und dem Einkauf lokaler Spezialitäten verbringen. Am häufigsten wandern wir auf den Spuren der Schafherden. Diese folgen seit alter Zeit bis heute den „Drailles“ auf ihrer Wanderung aus den Ebenen auf die Sommer- weiden von Lozère und Aubrac.

Die verschlungenen Täler der Cevennen waren auch immer wieder Ort blutigen Geschehens. Hugenotten, Camisarden und Resistancekämpfer vergossen hier ihr Blut in Kämpfen mit den Herrschenden.
Die Region wurde in den zwei Weltkriegen fast völlig ausgeblutet, Ganze Generationen von Vätern und Söhnen wurden ausgelöscht. Nach dem 2 Weltkrieg wurde die Infrastruktur verbessert, es wurden Strassen für die Zurückgebliebenen gebaut, was zur Folge hatte, dass diese ob der Perspektivlosigkeit auch in die Städte auswanderten und das Land völlig vereinsamte. In dieser Zeit sind viele der alten Wege, sofern sie nicht mit Asphalt befestigt wurden, in Wald und Busch verschwunden, so dass uns auch heute, trotz den Bemühungen der Wanderwegbauer, ab und zu ein Stück geteerte Strasse nicht erspart bleibt.

Nur wenige Menschen sind damals zurückgeblieben um das alte Kulturlandschaft aufrecht zu erhalten und die traditionelle Viehzucht oder die ebenso traditionelle Käseherstellung weiter zu betreiben. Unterstützt werden sie heute vermehrt von aus der Stadt weggezogenen Men- schen, die hier oben Ruhe und eine besinnlichere Lebensform suchen. Perspektive bietet heute ein sanfter Tourismus, es entstanden neue Gîtes, viele traditionelle Auberges wurden renoviert. So besteht heute eine genügend grosse Infrastruktur, die eine solche Weitwan- derung erst möglich, und auch angenehm machen.
"Was mich betrifft, so reise ich nicht, um irgendein Ziel zu erreichen, sondern um zu gehen. Ich reise um des Reisens willen. Worauf es ankommt, ist in Bewegung zu sein; die Nöte und Haken unserer Existenz unmittelbarer zu spüren, aus dem Federbett der Zivilisation zu steigen und zu entdecken, dass die Erde unter den Füssen aus Granit besteht und mit schneidenden Kieseln übersät ist."
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