Marokko
Logbuch
 



In den Händen von Berberfrauen

Ziegen verirren sich nicht, das glauben nur Touristen aus Europa, wenn sie vereinzelte entdecken. Reportage einer Fußreise mit Nomaden vom Stamm der Aït Atta über Dreitausenderpässe des Hohen Atlas.

DiePresse.com, 20.12.2013, Thomas Brunnsteiner

In ihrer rechten ledrig braunen, von Henna verfärbten Hand wirkt sie einen Faden. Sie hockt, dreht die Spindel, spricht mit schnalzenden Lauten und lächelt über unsere Fragen. Ihr Sohn wird Tee servieren, mit frischer Minze und kinderfaustgroßen Zuckerstücken, dreimal aufgekocht. Ihre Tochter Zahra, mit den marmornen Zügen einer griechischen Göttin, wird Steinbrot bringen, Datteln, Oliven, Ziegenbutter und Arganöl zum Eintunken fürs Brot. All ihre Kost für uns. Mehr zum Thema: Marokko II: Sternenhimmel statt Sprühkerzen Wie viele Nomaden in diesem Tal haben ihre Hände auf die Welt gebracht? Auf Bergpässen, in halb aufgerichteten Zelten, im Schneesturm des Hohen Atlas, auf nackten Felsböden? Wie alt sind ihre Hände? Sie hört die Fragen, lächelnd. Und schreit plötzlich: „Trrriii“, als sei es nicht mit ihrer Stimme. Aïsha vom stolzen Berberstamm der Aït Atta kann rufen wie ein bedrohliches Tier. „Mit dem Schrei bleiben die Ziegen stehen!“, sagt sie. Und mich mit grünen Augen ansehend: „Wie alt ich bin? Das weiß ich nicht.“

Noch heute leben im Hohen Atlas etliche tausend Berbernomaden, denen nichts gehört als ihre Schaf- und Ziegenherden, ein Zelt und gerade genug Hausrat, wie zwei Dromedare oder drei Mulis tragen können. Sie leben als Hirten. Niemand kennt ihre genaue Zahl. Schon auf dem Flughafen in Paris begegnet man den ersten würdig verschleierten Berberfrauen. Wie Päpstinnen lassen sie sich auf Rollstühlen an Bord bugsieren, junge Männer warten voll Ehrfurcht auf Fingerzeige ihrer hennagefärbten Hände, Stewardessen knien zu ihnen nieder, wenn sie sprechen.

Dann Marokko durchqueren, immer weiter nach Süden und tiefer in die roten Berge des Atlas. Durch Ouarzazate mit seinen Burgen aus gestampftem Lehm hinein ins Tal der Rosen, und endlich ins Tal am Dades, dem mächtigen, nun wasserlosen Fluss. Immer trockener, immer steiniger wird der Weg. Um dann anzukommen in Aït Youl, wo alle Straßen enden, und auf den Sandsteinfelsen im Sonnenuntergang eine schwarze Silhouette wahrnehmen: eine junge Berberfrau, Malika. Mit ihr und der Familie ihres Bruders wollen wir neun Tage durch die Berge ziehen.

Eine Ziege, am wievielten Tag? In jenem Tal aus Stein stand sie am Berghang, meckernd. Dorniger Tragant, zart violett blühende Disteln, wuchs neben dem Weg. Längst außer Sicht war der summende Koch Achmed, ein hagerer, nachdenklicher Mann, der nur mit seinem Singsang in der Berbersprache Taschlheit die Maultiere auf dem Weg hielt. Der Weg schien verloren, bald suchte der Blick von selbst die Spuren. Pfannengroße Abdrücke der weichen Kamelfüße, ihr frischer Dung als sicherste Zeichen. In ihrem Takt konnte man sogar auf 3000 Metern Seehöhe einen Tag lang gehen, ohne zu ermüden, eine sprachlose Wanderung vorausgesetzt. Der Himmel klarblau zu Mittag, ohne Wind war die Hitze unerträglich. Doch nach den Nächten waren die Schlafsäcke mit Raureif überzogen.

Die Ziege. Sie musste zur Herde gehören, zu meiner Familie, weit voraus: Tuda, die Mutter, die das Lager als Erste in der Früh verließ, mit 200 Schafen und Ziegen, mit Sohn Yassin und Tochter Karima, mit ihrem Reichtum also und der Aufgabe, ihn zu hüten. Tuda war sehr schön, ihr Gesicht schien etliche Frauenalter zu spiegeln: mädchenhaft in der Morgensonne, wenn ihre Hände feuchten Brotteig kneteten; reif und stark im abendlichen Feuerschein, ehe sie ihren Kindern sanft durch die Haare fuhr und sie zum Schlafen legte, auf Teppichen am nackten Boden, bis über den Kopf gehüllt in Decken.

Ibrahim war Tudas Mann und Vater ihrer Kinder, deren genaues Alter die beiden nicht kannten. „Vielleicht acht?“, schätzten sie den Buben, die Tochter war „wenigstens fünf“. Nur das jüngste Kind, Mohammed, wollten sie in eine Schule schicken. Die größeren würden weiter so leben müssen, eher: dürfen wie ihre Eltern. Als Amazigh, was „freie Menschen“ heißt. Als Mann einer Aït Atta fiel es Ibrahim zu, den Hausrat der Familie aufzulesen jeden Morgen, die Säcke mit Mehl und Getreide, Tee und Gewürz, die Schuhe und Tücher, wenige Töpfe und die eine Schüssel aus Ebenholz für Couscous und Teig, alles zu verladen auf Maultiere und Dromedare, und ja: die Kinder!


In kühlen Höhlen hausen

Tierkinder zuerst, vier Zicklein waren festzubinden in einer Satteltasche, die Herde hätte sie in den Bergen zertrampelt. Und seinen Sohn Mohammed. Keine drei Jahre alt, wurde auch er festgezurrt auf einem Muli, das auf hohen Pässen zuweilen äsend an den Abgrund trat. Doch keiner rief das Tier zurück. Diese Karawane war heute schon weit voraus. Zu weit für die verirrte Geiß?

Den Tizi-n-Igourane hatten wir vor zwei Tagen bewältigt, den höchsten Pass auf 3211 Metern: ein weiter, flacher Grat, übersät mit Schiefer- und Sandsteinplatten. Tuda ließ am Pass die Herde rasten, die Kinder spielen. Überall standen kleine Totems aus Stein. Und zwischen müden Ziegen schlief eine Berberfrau.

Das Weideland der Im'Goun hatten wir vor vier Tagen passiert, unbehelligt – sie sind die halb sesshaften Berber dieser Berge, und hausen in kühlen Höhlen in den Felswänden. Sie seien anders, hatte Achmed gesagt, unser Führer und ein Aït Atta, sie hätten „fette Frauen und eigenartige Bräuche und schicken ihre Männer mit dem Vieh auf die Weide. Pah!“ Auch wir hatten am dritten Tag in so einer Höhle geschlafen. Und uns am nächsten Morgen vorbeigestohlen an dem großen Mädchen der Im'Goun, das in dunklen Gewändern und mit einer Steinschleuder am Wegrand stand. Wunderschöne Wegelagererin, die Gruppe um Münzen angehend wie um Schutzgeld.

Über den ausgedorrten See zogen wir erst gestern und vollzählig. Viele Herden der Aït Atta kamen in diese Ebene, herangerollt wie eine durstige Flut an den Lac d'Izourar. Trieb dort in der Ferne ein Junge vier Schafe durch kniehohes Wasser? Nein, Spiegelungen auf der heißen Erde. Am anderen Ende des Lac d'Izourar gab es einen Brunnen. Die Tiere hatten Wasser. Wir machten unser letztes Lager.

Ich wachte auf im Zelt heute Morgen am Ufer des Sees. Ich sah hinaus, wo die Herde weidete. Dort saß Malika, ein wildes Mädchen, jüngste Schwester von Ibrahim. Sie hielt ihre Augen auf mich im Zelt gerichtet, hockte inmitten der Tiere wie ein bunter Stein, leuchtende Kleider in Türkis und Orange verhüllten sie bis auf die Hände und ihr Gesicht. Sie ist 16 Jahre alt, ungefähr. Beträgt sich ernster und härter, wenn sie im Lager die Tragtiere züchtigt, die Dromedare auf die Beine schlägt beim Abladen, rackert und tobt. Kein Kind mehr, spielt sie die Frau im heiratsfähigen Alter mit aller Verve. Ich krieche halb nackt aus dem Schlafsack, schließe schnell das Vorzelt von innen. Da prallt ein kleiner Stein vom Zelt ab, dann ein zweiter. Hörte ich sie lachen?

Die eine Ziege hatte sich nun ganz verstiegen. Meckerte hoch über dem Weg. Ich stieg der Geiß nach. Das Tier lief über Geröllhalden, es klang wie das Rieseln von Wasser. In Steinwurfweite zog die Herde einer anderen Familie ins Tal unter uns, gehütet von zwei Frauen. Trotz meiner Rufe ließen sie die Ziege heran, ihre Herde verschluckte das verirrte Tier. Aus den Sehschlitzen ihrer purpurnen Umhänge belächelten sie meine atemlose Erklärung. Sie sahen mir nach, als ich aufgab und mich erschöpft in den Schatten eines Wacholderbaumes hockte. Ich hätte sie an ihren Augen erkennen sollen. Es war Zahra und ihre Mutter, Aïsha.

Mit ihrer rechten Hand, der atlasroten, von Henna verfärbten Handfläche wirkt sie aus fetter Wolle einen Faden. In der linken dreht sie die Spindel, Wolle vom vorigen Jahr. Wir sind angekommen, in einem Ausläufer des Bougmez-Tales, im Zelt von Aïsha. Seit 32 Jahren hat sie mit ihrer Familie hier das Sommerlager aufgeschlagen. Und ging im 54. Sommer über den Tizi-n-Igourane? Dort oben, wo die Frauen der Aït Atta aufeinander warten, im Frühjahr gen Norden ziehend und im Herbst zurück ins Gebirge des Djebel Sarhro, hinter dem die Sahara anfängt. Dort oben zollen sie dem unsichtbaren Bergvolk Respekt. Dank für ein gesund geborenes Kind. Dank für eine geglückte Querung ohne hüfthohen Schnee. Sie lassen kleine Totems, aus Steinen gebaut und mit Essen belegt, zurück. Und Stoffstücke, bemalt mit Symbolen, die mehr erzählen als Bücher. Frauenopfer.

Ich sehe an ihr hoch. Am Kinn trägt sie die Tätowierungen der Aït-Atta-Frau, eine feine Linie und beiderseits Punkte. „Wir waren jung“, sagt sie, „und dachten, es mache uns hübsch.“ Aïsha vom Geschlecht der Aït Ali mag die älteste Berberfrau auf dieser Sommerweide sein. Nur beim Aufstehen blitzen ihre hellen grünen Augen mädchenhaft, und ihre Hand streift meine. Sie hütet das Leben hier.

Und Männer wie der würdige Kameltreiber Ali, wie Ibrahim – sie werden abends Kajal auftragen um ihre dunklen Augen, und in weiße Djellabas gehüllt zögerlich fortgehen von ihren Lagern. In dieses Zelt herkommen, für eine Stunde. Sie werden erzählen, zuhören. Sie kommen zu Aïsha. Suchen womöglich auch eine entlaufene Geiß.


ZIEGEN HÜTEN IN MAROKKO

Die halb nomadisch lebenden Berber der Aït Atta in Marokko führen ihre Herden jeweils im Mai und September über den Hohen Atlas.
Die begleitete, ca. 120 Kilometer lange und neuntägige Wanderreise findet sich im Programm von MARABOUT TRAVEL. Geschlafen wird in Zelten, ein Führer und ein Koch begleiten die kleinen Reisegruppen.