Marokko
Logbuch
 



Gratwanderung im Orient

Nicht nur auf dem Dünenkamm gibt’s zwei Seiten
Ein Bericht von Amalou (in der Berbersprache „Schatten“) aus Marokko

Zu Beginn unserer Firmengeschichte steht Lahoucines Vision eines fairen und nachhaltigen Tourismus in seinem Land. Der Traum einer eigenen Trekkingagentur war in den Jahren als Bergführer zusammen mit klaren Qualitätsvorstellungen und dem Wunsch, Menschen aus aller Welt Kultur und Natur seines Landes authentisch näher zu bringen, gewachsen. Bewusst und immer klarer wurde für ihn auch der Entscheid, im eigenen Land zu bleiben und hier sein Wissen, sein Können einzusetzen und seine Vision zu verwirklichen. Mit einer gesunden, kritischen Liebe zu seinem Heimatland und dem Stolz, weder seine Seele noch seine Kultur für den Tourismus zu verkaufen, machte er sich auf den Weg.

So war denn auch unser Entscheid, den langen und mühseligen Weg für den Erhalt einer offiziellen Reisebürolizenz zu wagen, ein Entscheid für die Sicherheit unserer Gäste und Mitarbeiter und ein Einstehen für Legalität und Sichtbar machen, dass auch in einer schnelllebigen, globalisierten Welt noch Nischen sind für respektvolles Reisen. Manchmal als Idealisten belächelt, als Quereinsteiger schief angeschaut, glauben wir noch immer daran, dass Ehrlichkeit und Fairness die besten Geschäftspartner sind. Mit Geduld und Beharrlichkeit und nicht etwa Schmiergeldern, erhielten wir die offizielle Reisebürolizenz. Dieser Weg ist zwar rein wirtschaftlich gesehen nicht der lukrativste eher im Gegenteil, aber der einzig Aufrichtige.

Inzwischen sind 16 Voll- und Teilzeitarbeitsstellen (Büro, Materialdepot, Reinigung, Führer, Köche und Fahrer, NäherInnen) entstanden und in etwa die gleiche Anzahl Familien, die von oder zumindest zu einem grossen Teil vom Einkommen ihrer Arbeit bei Amalou leben. Diese Familien, Ehepartner, Kinder, Mütter, Geschwister leben auf dem Land oder in der Stadt. Zudem sind wir mit unseren Touren und der damit verbundenen Logistik wichtiger Auftraggeber für lokale Lebensmittelhändler, Gemüse-Früchtemarkt, einheimische Transportunternehmer. Als Unternehmen zahlen wir die staatlichen Taxen und Steuern.

So wurden über 1000 Meter in Marokko produziertem Stoff in unserem Nähatelier zu Zelten, Küchentaschen, Mattenbezügen verarbeitet und Tausende von Dirhams für Material bei einheimischen Kleinhändlern im Souk ausgegeben. In den ersten zwei Monaten des Jahres 2005 haben wir 236 Kilogramm marokkanische Tomaten, 183 kg einheimische Kartoffeln und 152 kg Zwiebeln auf den Märkten eingekauft. Dies nur ein kleiner Ausschnitt aus einer vielfältigen bunten Gemüseplatte.

Während der Wüstensaison 2004/2005 haben wir bzw Sie werte Gäste mir Ihrer Reise, insgesamt 785 Dromedararbeitstage an die Halbnomaden des Berberstammes Ait Atta bezahlt. Ende April 05 haben wir bereits 279 Maultiertage, Begleiter vom Sarhro Gebiet und dem Zentralen Hohen Atlas für die Maultiertrekkingsaison 2005 engagiert und ausbezahlt.

Nebst den wechselnden Camps mit Begleitteams vom Lande und eigenem Material berücksichtigen wir lokale Unterkünfte, die in die Regionalstruktur eingegliedert sind.

Wir leben und arbeiten in einer Welt und insbesondere einem Land, wo Ressourcen wie Wasser und Strom knapp sind und sein werden. Doch verbrauchen auch wir mit unserer Arbeit und der Durchführung der Touren wertvolle Ressourcen. Wasser, Gas, Elektrizität, Diesel, motorisierte Transporte, die Abgase produzieren.

Wir legen Wert darauf, in der Planung und Umsetzung unserer Touren MitarbeiterInnen und Gäste für dieses Thema zu sensibilisieren und zu sparsamem Verbrauch zu motivieren. So sollen die in unserem Businessplan festgesetzten Punkte unserer Charte nicht nur leere Worte auf Papier bleiben, sondern im Vorleben und Erklären, Zusammenhänge bewusst machen, in den Alltag impliziert werden.

Unsere Wanderungen führen zu Dörfern und Siedlungen. Diese Begegnung kann vieles verändern. Zum Guten oder Schlechten – und an wem, dies zu beurteilen? Wir können und wollen die Entwicklung eines Landes, einer Kultur nicht aufhalten und wir wissen darum, dass wir mit der Arbeit im Tourismus nicht nur Gutes tun. Doch Reisen kann auch Horizonte erweitern, gegenseitiges Verständnis fördern oder zumindest die Bereitschaft zur Toleranz und einem friedlichen Nebeneinander Leben säen. So ist ein kleines 6-jähriges Mädchen, das sich nach ihrem Trekking im Rosental und einer spontanen Einladung zu einer Hochzeit mit mir im Souk von Marrakech eine Ghitta (Festtagskleid) kaufen möchte und diese bereits dreimal zuhause in der Schweiz für kleine Feste oder besondere Momente getragen hat, doch einfach eine hoffnungsvolle Freude. Oder die Aussage einer Kinderärztin, die nach ihrer Marokkoreise sagt, sie gehe nun mit neuem Verständnis und um vieles entspannter nach Hause und in den Spitalalltag mit vielen Patienten aus dem türkischen Raum zurück. Dank der offenen toleranten Art, wie Mustapha, der Führer, auch noch so jede Frage, differenziert und geduldig erläuterte.

Doch verlangen wir auch von unseren Gästen einen respektvollen Umgang mit den Ressourcen und den Begleitteams. Und eine adäquate Kleidung. Wir akzeptieren weder wahlloses Verteilen von Dingen an Kindern, noch das zurücklassen von noch so wenig Abfall in der Landschaft. Wir weisen alle unsere Kunden vor der Tour schriftlich und in Marokko persönlich auf diese Regeln hin.

Unsere Gäste erkennen ihr Camp nach einigen Tagen am runden Gemeinschaftszelt oder dem etwas abseits stehenden, markanten Toilettenzelt. Einer Telefonkabine gleichend begleitet dieses Zelt die Touren genauso, wie das obligate Verbrennen von Papier und das Zurücknehmen von nicht verbrennbarem Abfall nach Marrakech, auch bei Gruppen von „nur“ 2 Gästen.

Ja, wir führen auch immer wieder Touren mit 2 Gästen durch. Diese Form des begleitenden unterwegs sein hat nichts mit Kolonialismus zu tun, sondern gibt den einzelnen Mitarbeitern die Gelegenheit zu ehrlicher Arbeit und fairem Verdienst. Um eine solche Reise zahlbar zu machen, schmälern wir nicht etwa die Löhne der Mitarbeiter oder Transportpreise, sondern schauen welche praktischen Möglichkeiten es zur Kostenreduktion gibt und minimieren unsere Marge. Doch sind wir kein Ausverkaufsladen und so hat auch unsere Arbeit und das qualitativ gute Material ihren Wert und Preis. So versuchen wir im manchmal rauen Tourismusbusiness uns nicht in den Strudel von Preisdumping ziehen zu lassen. Und hoffen, dass Ihnen geehrte Gäste, es Wert ist, mit gutem Gewissen Gast in einem andern Land sein zu können.

Als Tourismusunternehmen sind wir in einen Arbeitsmarkt eingebunden und so können wir unseren Mitarbeitern nicht einfach einen Wunschlohn zahlen. Zudem müssen wir wie auf einem Trekking, Schritt für Schritt gehen und unsere geschäftlichen finanziellen Möglichkeiten realistisch abschätzen. So zahlen wir Preise und Löhne im oberen Marktdurchschnitt und achten darauf, dass Lasttiere oder Fahrzeuge der Gruppengrösse und Materialmenge angepasst sind. Wir sind kein Projekt, sondern Arbeitgeber in einer andern als der schweizerischen Arbeits- Sozialkultur.

Noch ist vieles zu tun. Noch stehen viele Fragen und Ideen auf unserer Pendenzen Liste. Themen wie Krankenkasse für unsere Mitarbeiter, Altersfürsorge für die Berufe des kleinen Métiers (Führer, Köche, Tierführer) sind nicht nur bei uns aktuell, sondern auch auf staatlicher Ebene.

Auch haben wir seit Jahren die Idee eines Projektes im Ait Bougmez im Hinterkopf. Der Agenturaufbau und die Führung absorbieren uns jedoch derzeit noch zu stark, um genügend
Präsenz und Kontinuität einbringen zu können. So entschied Lahoucine im Frühjahr 05 nach einem Austausch mit den für uns tätigen Dromedarführern, sich für den Bau eines Brunnens im Gebiet Mhamid einzusetzen. Dieser liegt in einer Gegend, in der die Dromedarführer seit einiger Zeit Schwierigkeiten beklagen, zu genügend Wasser für sich, Tiere und Gäste zu kommen. Der Brunnen würde auch den Nomaden der Region zu gute kommen.

Ihr seht – die Vision trägt uns weiter. Manchmal verleiht sie uns Flügel, manchmal zähes Erarbeiten. Wir freuen uns, wenn auch Sie uns weiterhin in Gedanken, mit Ihrer Reiseteilnahme oder dem Erzählen von Ihrer Reise mit uns positiv unterstützen.

In herzlicher Verbundenheit


Marrakech, 24. April 2005

Brigitte & Lahoucine