Marokko
Logbuch
 



Vor knapp 6 Jahren habe ich untenstehende Zeilen geschrieben. Inzwischen haben wir viele wunderbare Touren mit Gästen und unseren Begleitteams organisieren dürfen. Die Begegnungen mit den Menschen von hier gehören noch immer zum berührenden Schwerpunkt unserer Reisen. In keinem Reiseführer aufgeführt, sind sie es, die die Touren zu dem unvergesslich positiven Erlebnis machen. 

Wir hoffen, dass wir auch weiterhin dazu beitragen können, Begegnungen zwischen Menschen aus verschiedenen Welten zu gestalten. Dazu und auch für eine friedliche demokratische Veränderung brauchen wir Euer Vertrauen, Eure Solidarität und nicht zu letzt Euer Interesse an einer Reise zu einem Land, in dem gelebte Gastfreundschaft Tradition hat. Gestern - Jetzt und Morgen.

Brigitte & Lahoucine & Team, 11.05.2011



Der Irrsinn der Welt & die Maultierführer

Gegensätzlicher könnte es wohl kaum sein. Während unsere Gäste der Toubkaltour nach 10 Tagen unterwegs mit Lahoucine tief gerührt Abschied nehmen von den Maultierführern von Oukaimeden, Mohamed dem Koch und Ibrahim dem jungen Führer, ist die Welt in der andern Welt von weiteren Bomben und grausamen Attentaten erschüttert.

Während nicht nur Gäste sondern auch Maultierführer „Puma Ali“, „der junge Ali“, „Ibrahim der Novize“, Mohamed der Koch Tränen in den Augen haben und tief drinnen wissen – da ist ohne miteinander reden zu können, eine gemeinsame Sprache entstanden, sammelt die verunsicherte Menschheit ihren Mut und ihre Wut gegen solch unmenschliche grausame Gewalttaten am Boden zusammen.

Im Sonnenschein von Marrakech schlendere ich mit den Gästen durch die Gassen der Medina, schaue im Quartierbackofen in der Mellah rein, koste ein feines jüdisches Brot und kaufe bei Said den Safran aus dem Siroua. Sonntagmittagsstimmung im Souk der roten Perle Maghrebs. Abends füllen sich die Plätze, Touristen und einheimische Menschen geniessen die warmen Sommernächte, die Ferien, Flanieren, was Kleines Essen an einer der Garküchen, Musik und die einmalige Stimmung des Jemne el Fna.

Und wann jagt die nächste Bombe unschuldige Menschen in die Luft? Aus angeblich islamistischen religiösen Beweggründen gezündet?

Welch Irrtum. Welch Verirrung menschlicher Suche nach Sinn, Vision und Religion.

Nicht das Lob der Gäste für die Organisation und Logistik der Tour, das feine Essen, die Routenwahl ist es, was mich gegen diesen Irrtum ankämpfen lässt, nicht das Geld, das wir vielleicht irgendwann mit dieser aufwendigen Art von Trekkingreisen verdienen werden, lässt mich weiterarbeiten, an diesem Sonntagabend Ende Juli – nein. Es sind dies die Worte von Peter, Claudius oder Georg: „ Mit diesen Menschen unterwegs gewesen zu sein, ist ein unbezahlbares, tief berührendes, einmaliges Geschenk. Zum einen oder andern entstand ohne Aufhebens und Gerede ein besonderer Draht, das war ein Lachen am Morgen bei der Begrüssung, das war ein herzlicher Gruss auf dem Pass oder ein le bess beim Ankommen im Camp – nicht mehr und nicht weniger“.

Wieviel besser würde es unserer Welt wohl gehen, wenn wir ab und zu wieder solch einfache, wunderbar herzliche Begegnungen und Oasen im harten Alltag leben könnten?

Wir – und da schliesst sich unser gesamtes Marokkoteam mit an, Christ oder Moslem, Berber oder Araber, Mann oder Frau – verurteilen diese Gewalttaten, grenzen uns ab gegen einen solchen Islam. Diese Taten können niemals im Namen Allahs verübt sein, sondern sind ein Frevel am islamischen Glauben.

Auch wenn ich mich frage, wann und wo passiert das nächste Attentat und nicht ausschliessen kann, dass auch hier bald eine Bombe das friedliche Zusammensein im Schmelztiegel der Kulturen zerstört, werden wir uns unserer Freiheit und dem Glück, friedliche Begegnungen möglich machen zu können, nicht berauben lassen.

Bomben töten – doch es ist die Angst und die Feindbilder, die diese Attentate schaffen, die unsere Freiheit, ein multikulturelles Leben, Begegnungen zwischen verschiedenen Kulturen und unser Vertrauen zerstören möchten, uns im Menschsein töten. Lassen wir dies nicht zu. Denn jede Träne in den Augen eines Gastes und Maultierführers ist eine friedliche, hoffnungsvolle Bombe gegen diesen Irrsinn.


Marrakech, 24.07.2005

Brigitte Zahner (seit 1997 nach Marokko reisend, seit 2001 hier wohnhaft)